Knorrli in Gefahr: Wird der Albtraum der Schweizer wahr und Aromat amerikanisch?

Veröffentlicht von René

Sieht so die Zukunft des Aromat aus? - Luftbild vom Knorr-Werk in Thayngen SH: © Hansueli Krapf / CC-BY-SA-4.0
Wenn eine Schweizer Kultmarke an ein ausländisches Unternehmen verkauft wird, verstehen Herr und Frau Schweizer keinen Spaß. 2019 wurde SIGG, das Traditionsunternehmen für Trinkflaschen, an ein chinesisches Unternehmen verkauft, im Jahr 1990 wurde Toblerone an den US-Konzern Mondelez verkauft, der die weltberühmte Schokolade seit 2023 in der Slowakei billig produzieren lässt und seitdem das Matterhorn nicht mehr auf der Verpackung abbilden darf. Nun droht dieses Schicksal auch dem Aromat.
Seit über 70 Jahren gehört das sagenumwobene «gelbe Gold» der Marke Knorr, mit welchem die Schweizer nahezu alle denkbaren und undenkbaren Speisen verfeinern würzen, auf (fast) jeden Esstisch. Bedeutet der Verkauf an einen US-Konzern das Ende des Schweizer Kultgewürzes? Der Albtraum vieler Schweizer scheint gerade wahr zu werden. Doch woher kommt eigentlich dieser «Mythos Aromat», was genau steckt drin und wie soll er gerettet werden?


Wie das «gelbe Zeugs» zum Kult der Schweizer Küchen wurde

Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts brachte Julius Maggi aus Kempttal ZH mit seiner «Flüssigwürze» neuen Schwung in die Küchen der Schweiz, wo bis dato meist nur mit Salz und Pfeffer gewürzt wurde. 1908 folgte der Maggi Brühwürfel. Beide Mittel hatten jedoch den Nachteil, alle Speisen braun zu färben und geschmacklich zu dominieren. Zudem lösten sich die Brühwürfel eher schlecht als recht auf.

Entdecken Sie feine Schweizer Produkte in unserem Shop
Zum Shop →

Zur gleichen Zeit eröffnete der deutsche Konkurrent Knorr aus Heilbronn eine Zweigstelle in Thayngen, im Kanton Schaffhausen. Dort tüftelte der Spitzenkoch Walter Obrist nach dem Zweiten Weltkrieg an einer besseren Alternative zu den Produkten von Maggi. 1953 entwickelte er sein «Aromat», das ein ähnliches, jedoch deutlich dezenteres «Umami» an jedes Gericht zaubern sollte.

Neben Speisesalz sorgen Mononatriumglutamat, Zwiebeln sowie Gewürz- und Pilzextrakte für den charakteristischen Geschmack, der sich deutlich von der sehr intensiven Maggi-Flüssigwürze unterscheidet. Kurkuma sorgt für die gelbe Färbung.


Mit geschicktem Marketing in die Herzen der Schweizer

Knorr brachte das wundersame Pulver im Gewürzstreuer mit einer gewagten Marketingkampagne auf den Markt. 30.000 schmiedeeiserne Menagen mit Aromat, Knorr-Flüssigwürze, Zahnstochern sowie Salz- und Pfefferstreuern verschenkte Knorr an Restaurants in der ganzen Schweiz. Schon nach neun Jahren genoss Aromat einen Bekanntheitsgrad von 80%. Heute sind es 94%. Mit einem jährlichen Verbrauch von rund 100g pro Schweizer – das entspricht einer ganzen Dose – ist die Nachfrage bis heute konstant hoch. Als etablierte Schweizer Marke reagierte Maggi, die seit 1947 der schweizerischen Nestlé AG gehört, zwar schon 1954 mit dem Konkurrenzprodukt «Fondor», konnte damit jedoch nie die Beliebtheit des Aromat übertreffen.

Seit 1948 bewarb Knorr in der Schweiz seine Produkte mit dem «Knorrli», dem roten, «freundlichen Berggeist» mit Zipfelmütze. Als Liebling der Kinder brachte er sie sogar dazu, Haferschleim von Knorr («Knorritsch») zu essen. Folglich musste auch Aromat einen Platz im Alltag der Familien bekommen. Auch auf Wanderungen und Urlaubsreisen galt der Slogan: «Nimm's Knorrli mit!»

© KnorrDie meisten Produkte, die schöne Kindheitserinnerung auslösen, werden – besonders nach über 70 Jahren – aus den Supermarktregalen bereits verschwunden sein. Aromat ist hingegen nicht nur bei neuen Generationen von Kindern beliebt, sondern ist sogar noch bei den Kindern von damals im Einsatz. Kartoffelstock, Suppen, Pommes Frites, Rösti, Spiegeleier, Salate, Nudeln - einfach alles bekommt am Esstisch eine großzügige Prise Aromat verpasst. Ein hartgekochtes Ei ohne Aromat? Undenkbar! Sogar im Wanderrucksack und im Reisegepäck hat bei vielen Schweizern auch heute noch das Knorrli seinen Stammplatz. Es hat in der Schweiz in etwa einen ähnlichen Stellenwert, wie das «Sandmännchen» in Deutschland. (Ob das Knorrli den Schweizer Kindern wohl auch abends Aromat in die Augen streut, damit sie gut schlafen?)

 

Hat es sich bald ausgestreut? Rettet das Knorrli!

Der Großkonzern Unilever verkauft die Marke Knorr an das US-amerikanische Unternehmen McCormick. Damit ist die Zukunft der Produktion in Thayngen ungewiss. Von ursprünglich über 1000 Mitarbeitern wurde die Belegschaft in den letzten Jahrzehnten bereits schrittweise auf nur 180 reduziert, was als mögliches Indiz für eine baldige vollständige Schließung sprechen könnte. Schon längst wird in Thayngen nur noch für den Schweizer Markt produziert. Veränderte Rezepturen des Aromat sind im Ausland inzwischen üblich.

Aromat an ein ausländisches Unternehmen verkaufen, das möglicherweise völlig rücksichts- und vor allem respektlos die Rezeptur in der Schweiz verändern und das Werk in Thayngen schließen könnte? – Dieser Gedanke löst bei vielen Schweizern offenbar viel mehr als nur Empörung aus. Der junge Basler Unternehmer Michael C. Oehl hat nun eine Petition gestartet, die genau das verhindern soll. Bereits in der ersten Woche wurde das Ziel der 10.000 Unterschriften deutlich überschritten.
Die Argumente für den Erhalt des Schweizer Originals lesen sich wie eine Ansprache zum 1. August:

«Aromat ist kein gewöhnliches Produkt. Es ist Schweizer Kulturgeschichte.»

«Aromat gehört zur Schweizer DNA – so wie Ricola, das Schweizer Sackmesser oder das Alphorn.»

«Aromat gehört in Schweizer Hände. Wir prüfen die Möglichkeit, eine «Aromat Schweiz AG» zu initiieren – eine Volksaktie für alle Schweizerinnen und Schweizer. Jeder der möchte, soll eine Aktie kaufen und Mitbesitzer des Schweizer Nationalgwürzes werden können. Wie es Rivella, Ricola und Zweifel vorgemacht haben – Schweizer Marken in Schweizer Händen.»


Wir wollen ja kein Aromat in die Wunde streuen, aber...

Dass Knorr eine deutsche Firma ist, scheint bislang niemanden gestört zu haben. Im Jahr 2000 wurde Knorr – und somit auch Aromat – vom britisch-niederländischen Großkonzern Unilever übernommen. Der US-Konzern McCormick, der Knorr nun für 44,8 Milliarden Dollar gekauft hat, ist beispielsweise mit zahlreichen preisgünstigen Gewürzen bereits seit vielen Jahren in Schweizer Supermärkten und Küchen vertreten. Aromat wurde lediglich von einem Schweizer in der Schweiz erfunden, jedoch für eine deutsche Firma. Warum sollte also ausgerechnet jetzt die Übernahme durch einen anderen ausländischen Konzern das Ende bedeuten?

Als im Jahr 2023 Preisverhandlungen zwischen Unilever und den Großverteilern wie Migros und Coop zu kurzzeitigen Lieferengpässen führten, stürzte die Schweiz in eine regelrechte «Aromat-Krise». Die Kommentarspalten in den Medien sprachen Bände und schoben die Schuld den Supermärkten anstatt dem Mutterkonzern Unilever zu:

«Jetzt hört der Spass auf. Ich will mein Aromat!»

«Kei Aromat??? Sorry, aber das isch mis Läbenselixir!!!»

«Aha! Die Migros ist wohl mal wieder auf Erpressung-Tour! Da fliegen denn schon mal die guten Sachen aus den Regalen.»

«Liebe Migros, bei Aromat spielt doch der Preis keine Rolle.»

«Aromat... ohne stirbt die Schweiz, denn die Schweizer haben dann Glutamatentzug, sowas überleben wir nicht.»


Gibt es alternativen zum Aromat?

Inzwischen gibt es viele alternative Produkte. Wer drauf achtet, wird feststellen, dass in Schweizer Restaurants nur noch äußerst selten Aromat auf den Tischen angeboten wird, was der Popularität des Aromat jedocht nicht schadet. In einfachen, bürgerlichen Beizen und Gasthäusern findet man zwar noch die obligatorische Menage auf dem Tisch, befüllt sind sie jedoch meistens mit günstigeren Alternativen von Gastro-Lieferanten wie «Haco Condimat», «Hügli Streuwürze» oder «Maggi Fondor». Auch Bio-Produkte, die auf Glutamat verzichten, wie «A.Vogel Herbamare» oder «Swiss Alpine Herbs Alpenkräutersalz» werden gelegentlich angeboten, doch nicht einmal die «Anti-Glutamat-Bewegung» konnte das Aromat aus den Küchen verbannen.

Die Knorr-Menage: Inzwischen ein überraschend seltener Anblick in Schweizer Restaurants. - © Adrian Michael / CC-BY-SA-2.0

Ist Glutamat wirklich so schlecht wie sein Ruf?

Eine der Hauptzutaten des Aromat ist der berühmt-berüchtigte Geschmacksverstärker «Mononatriumglutamat», auch bekannt unter der englischen Abkürzung «MSG». Besonders in der chinesischen Küche wird MSG traditionell in vielen Speisen verwendet und ist für den Umami-Geschmack verantwortlich. Mit dem gestiegenen Bewusstsein für gesunde Ernährung kamen viele Behauptungen auf, Glutamat im Essen sei verantwortlich für Übelkeit, Kopfschmerzen, Alzheimer und sogar Krebs. Somit wurde – und wird auch heute noch – von einigen das Aromat als furchtbar ungesundes Teufelszeug verschrieen. Nach aktuellem Stand der Forschung zeigt sich jedoch ein völlig anderes Bild.

Glutamat kommt unter anderem in Pilzen, Tomaten, Erbsen, Kartoffeln, Spinat, Nüssen, Parmesan, Fleisch, Fisch und Sojasoße natürlich vor. Pilzextrakte stehen deshalb ebenfalls auf der Zutatenliste des Aromat. Vor allem aber wird Glutamat sogar vom menschlichen Körper selbst produziert. Deshalb unterscheidet die Wissenschaft auch zwischen «endogenem» (körpereigenen) und «exogenem» Glutamat, welches durch Nahrung aufgenommen wird.

Endogenes Glutamat ist ein wichtiger Botenstoff für Gedächtnisleistung, Appetitsteuerung, Körperwachstum und Schmerzübertragung. Wird es jedoch übermäßig vom Körper angereichert, kann es sogar zum Absterben von Gehirnzellen führen.

Die gute Nachricht für Aromat-Fans: Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass exogenes Glutamat in irgendeiner Weise für den Körper schädlich sei. Überschüssiges Glutamat wird vom Körper einfach ausgeschieden und gelangt nicht ins Gehirn.

Aber: Bei Menschen die an Meningitis erkrankt sind oder an einer Erkrankung des Zentralen Nervensystems leiden, funktioniert dieser Schutzmechanismus nicht und das aufgenommene Glutamat kann zu Hirnschädigungen führen. Das im Aromat ebenfalls enthaltene Kurkuma soll jedoch gemäß einiger Studien möglicherweise die Glutamatfreisetzung im Gehirn hemmen und die Nervenzellen schützen.

Hinweise gibt es auch darauf, dass MSG das Sättigungsgefühl hemmen könnte. Gewöhnt man sich also an den Glutamat-Geschmack und neigt dazu, immer mehr nachzuwürzen, damit man es noch schmeckt, isst man auch regelmäßig viel zu große Portionen. Übergewicht wäre also die Folge.

Fazit: Gelegentlich und in moderaten Mengen ist Aromat also völlig unbedenklich.

 

Braucht das Essen wirklich Aromat, damit es gut schmeckt?

Aromat bringt ein Umami ins Essen, wie die Sojasoße zum Beispiel an gebratene chinesische Nudeln. Im Unterschied dazu, braucht ein Schweizer Essen allerdings kein Aromat, um schweizerisch zu schmecken, weil die traditionellen Gerichte ohnehin auch vor 1953 ohne Aromat zubereitet wurden. In der Asiatischen Küche sorgen Sojasoßen und MSG hingegen traditionell für den charakteristischen Geschmack. Schweizer Köche lehnen Aromat heute grundsätzlich ab. Für sie ist es vergleichbar mit Doping im Sport. Wer es braucht, um eine Leistung zu erbringen, ist einfach nicht gut genug.

Aromat ist keine Geschmacksfrage. Viele brauchen es nicht, aber sehr viele macht es einfach sehr glücklich. Selbst wer es nie zum Kochen benutzen würde, bestreut sich sich auch mal ganz gerne ein Osterei mit dem «gelben Zeugs». Wie auch Rivella und Zweifel Chips, die sich unverändert in Schweizer Hand befinden, weckt es schöne Kindheitserinnerungen und lässt sie neu erleben. Als Ende 2025 Zweifel eine limitierte Serie «Aromat-Chips» auf den Markt brachte, war diese schon innerhalb eines Monats restlos ausverkauft. Ob sie dauerhaft im Programm von Zweifel aufgenommen wird, hängt vor allem von der ungewissen Zukunft des Aromat ab. Das Knorrli ist jedenfalls auch heute noch wie damals für Klein und Groß da und winkt freundlich mit dem Kochlöffel oder dem Schwiizerfähnli und das möge es gerne auch noch lange tun. Ob man Aromat mag, oder nicht: Den Fans sei ihre tägliche Prise vom «gelbes Zeugs» von Herzen gegönnt.

© Knorr


Weitere Beiträge zum Thema "Einblicke"

St. Gallen
Seit mehr als hundert Jahren eine treibende Kraft St. Gallens – Die Universität St. Gallen

Die Universität St. Gallen genießt auch über die Grenzen der Schweiz hinaus einen hervorragenden Ruf und wurde 2021 zum neunten Mal in Folge von der „

Weiterlesen

Bundesebene
Das Eidgenössische Schwingfest

Pratteln im Kanton Basel-Land, Ende August 2022. Zwei Monate lang wurde hier eine gigantische Zeltstadt auf einem Acker errichtet. Drei Tage lang Mens

Weiterlesen

Bundesebene
„Gang doch e chli der Aare naa… dere schöne, grüene Aare naa!“

2.2.22 - Gestern starb Andreas Flückiger, alias Endo Anaconda, Poet und Sänger der Schweizer Mundart-Band Stiller Has, viel zu früh und mehr oder weni

Weiterlesen

Weitere Beiträge →

Sie haben Kritik, Lob, Anregungen oder Fragen über die Schweiz? Wir freuen uns über Ihren Leserbrief: redaktion@swiss-finest.de


Unsere Specials
Feines, leckeres und kreatives

Nach oben