Absinthe - Eine Schweizer Tradition wird internationales Kultgetränk

Veröffentlich von René

Der Absinthtrinker - Viktor Oliva 1901

Jeder kennt den Namen, jeder hat ein Bild dazu im Kopf, doch nur wenige kennen ihn wirklich. Meistens hört man darüber: "Absinthe? Nein danke, nachher schneide ich mir noch ein Ohr ab oder mache irgendwelche anderen schlimmen Sachen! Viel zu stark der Fusel! Ist das nicht verboten?" oder "Das ist doch wie Feuerzangenbowle mit dem brennenden Zucker, oder?" Mythen und Folklore bestimmen das Bild der hochprozentigen Spirituose, fast schon in "spiritistischem" Ausmaße. Doch wie kam es so weit, dass dieser Schnaps aus der Schweiz, so hohe Wellen schlägt? Warum ausgerechnet Absinthe und nicht Zuger Kirsch, oder Appenzeller Kräuterbitter oder was auch immer für ein Spezialwässerli? Und was zum Teufel spielt diese "grüne Fee" für eine Rolle in dem Theater?

 

Die alte Kräuterhexe

Die Geschichte des Absinthe beginnt nicht mit einer Fee, sondern mit einer alten Dame. Manche nennen sie auch eine alte "Kräuterhexe". Ihr Name, Henriette Henriod, klingt jedenfalls einer Hexe würdig. Im späten 18. Jahrhundert lebte sie in Couvet, im Neuenburgischen Val-de-Travers, wo sie Heilmittel aus Kräutern herstellte. Es dauerte nicht lange, bis sich ihr Wermut-Elixir gegen „Würmer aller Art und Erkrankungen des Leibes und Gedärms“ bei der Bevölkerung großer Beliebtheit erfreute. Um das hochalkoholische "Lösungsmittel" genießbar zu machen, goss man es mit frischem, eiskalten Wasser aus den Bergquellen auf. Dadurch wird aus den beiden klaren Flüssigkeiten ein milchig trübes Getränk. Dass sich die ätherischen Öle der Kräuter nicht mit Wasser vermischen und so für diesen zauberhaften Effekt sorgten, wusste man damals noch nicht. Obendrein schmeckte diese "Medizin" so auch noch fabelhaft gut. Wieviele Menschen Magenprobleme vorgetäuscht haben müssen, um der alten Kräuterhexe ein paar Schlückchen abschwatzen zu können, kann man sich wohl denken.

Im Jahre 1797 gelang es einem pfiffigen Geschäftsmann, ihr nicht nur ein paar Schlückchen des Elixirs, sondern gleich das ganze Rezept dafür abzukaufen. Zusammen mit seinem Schwiegersohn, Henri-Louis Pernod, gründete er die erste Absinthe-Brennerei. Den Namen Pernod kennt man in Verbindung mit Frankreich, denn dorthin, nach Pontarlier, verlegten die beiden ihre Brennerei, nur wenige Kilometer hinter der Schweizer Grenze. Dank geschicktem Marketing mit Bezug auf die angeblich heilende Wirkung des Getränks und dessen unvergleichlichen Geschmack, entwickelte sich der Absinthe rasch zum Exportschlager. Die französische Armee und die Schweizer Armee nutzten das Getränk als Allheilmittel und in den Kneipen ersetzte es bald den Wein, der durch eine Reblausepidemie zum raren und teuren Gut wurde.

© musee-absinthe.com

 

Ein Zaubertrank beflügelt Künstler in der Belle Époque

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichte der Absinthe seinen Höhepunkt in der Gesellschaft und war im wahrsten Sinne des Wortes "in aller Munde". Während der Belle Époque wurde er zum Stilmittel der Künstlerszene in Frankreich. Vor allem in den Bistros und Cafés von Paris gaben sich die großen Künstler der Zeit die Klinke in die Hand und tauschten sich gerne bei ein paar Gläschen aus. Um den sehr bitteren Wermut abzumildern, legten Sie auch noch ein Stück Zucker auf einem Löffel auf den Glasrand, um diesen mit Wasser zu beträufeln, welches dann langsam in den Absinthe tröpfelt und kleine trübe Schlieren hineinzaubert. Dieses Ritual ist etwas zeitaufwendig, weshalb es wenig wundert, dass es zum beliebten Gesprächsthema unter den Künstlern wurde, die wie gebannt vor ihrem Glas hockten und in künstlerischer Manier das Geschehen darin kommentierten.

"Die grüne Fee ist der Zaubertrank, der dem Leben seine feierliche Färbung gibt und seine dunklen Tiefen aufhellt."
Charles Beaudelaire

"Absinthe, ich bewundere dich wahrhaftig! Wenn ich dich trinke, kommt es mir vor, als inhaliere ich die Seele eines jungen Waldes während der wunderschönen grünen Jahreszeit."
Raoul Ponchon

"Absinthe hat eine wunderbare Farbe: grün. Ein Glas Absinthe ist so poetisch wie alles andere in der Welt."
Oscar Wilde

Der englische Dichter, Ernest Christopher Dowson, besuchte seinen Freund Oscar Wilde in Paris und kam ebenfalls auf das grüne Getränk. Dem ordinären Bier und Whisky, die man in seiner Heimat in London trank, schwor er gänzlich ab: "Whisky und Bier sind für Idioten. Absinthe besitzt die Kraft der Magier; Absinthe kann die Vergangenheit auslöschen oder erneuern und die Zukunft annullieren oder voraussagen." Allerdings stieg ihm der Alkohol ein wenig sehr zu Kopfe, was sein Freund Oscar Wilde nur trocken aber bedeutungsvoll kommentierte: "Würde er keinen Absinthe trinken, wäre er nicht Dowson." Wilde hingegen sah sich selbst eher als Mitläufer: "Ich konnte mich nie so recht mit Absinthe anfreunden, aber er passt gut zu meinem Stil." Er brauchte scheinbar einiges an Überwindung, um dem Getränk einen Nutzen abzugewinnen:

„Das erste Stadium ist wie normales Trinken, im zweiten fängt man an, ungeheuerliche, grausame Dinge zu sehen, aber wenn man es schafft, nicht aufzugeben, kommt man in das dritte Stadium, in dem man Dinge sieht, die man sehen möchte: wundervolle, sonderbare Dinge.“

Jean Béraud dokumentiert ein Paar in Paris 1908
au caféalt
backgammon au caféalt
le buveur d'absinthealt

 

Dass die Wirkung des Absinthes der kreativen Arbeit dienlich sei, behauptete auch der französische Schriftsteller Honoré de Balzac: "Maßvolles Trinken von Absinthe und Rauchen von Haschisch erleichtern die künstlerische Arbeit." Da das Rauchen von Haschisch zu dieser Zeit recht üblich war, wollen wir diesen Punkt außer Acht lassen. Der Maler Paul Gauguin stellte fest, dass eine gewöhnliche Zigarette zum Absinthe wohl genüge: "Ich sitze vor meiner Tür, rauche eine Zigarette und schlürfe meinen Absinthe, ich genieße jeden Tag und bin ohne Sorgen." Gauguins Freund und Mitbewohner, Vincent van Gogh, war bekanntlich weniger sorgenfrei, obwohl er Absinthe in deutlich größeren Mengen getrunken haben dürfte, als Gauguin. Angeblich soll er sich sogar im Absintherausch, nach einem Streit mit Gauguin, das Ohr abgeschnitten haben, behauptete jedenfalls Gauguin. Das Wissen, wie es wirklich passiert ist, haben die beiden mit ins Grab genommen. Daher kommt Gauguin selbst auch als Täter in Frage.

Absinthe mit Karaffe - van Goghalt
van Gogh mit Absinth - Toulouse Lautrecalt
van Gogh mit Bandage - van Goghalt

 

Der Tod der "grünen Fee"

"Absinthe ist die grüne Rute der Arbeiterklasse, die sie um ihre Würde gebracht hat."
Karl Marx

Die Vorfälle in der Gesellschaft unter Absintheeinfluss häuften sich. Schwere Körperverletzungen und Morde standen beinahe an der Tagesordnung. Antialkoholische Bewegungen wie das "Blaue Kreuz" formierten sich und wurden immer lauter. Ebenso die Weinlobby, die dem neuen Modegetränk kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Im Jahre 1905 ermordete der waadtländer Weinbergarbeiter Jean Lanfray seine schwangere Frau und seine zwei kleinen Töchter, nachdem er zwei Gläschen Absinthe getrunken hatte. Propaganda der Bewegungen und Lobbyisten sorgte dafür, dass schon fünf Jahre später der Absinthe per Volksabstimmung in der Schweiz verboten wurde. Lediglich die Kantone Neuenburg und Genf stimmten als größte Absinthehersteller gegen das Verbot. Dass Monsieur Lanfray vor seinen zwei Absinthe auch noch wahrscheinlich bis zu fünf Litern Wein am Tag und obendrein noch Branntwein intus hatte, ging in der hitzigen Diskussion völlig unter oder wurde einfach verschwiegen. Die "grüne Fee" war tot.

alt

 

Im Jahr 1915 wurde Absinthe schließlich auch in Frankreich verboten. Der Erste Weltkrieg sorgte ohnehin für eine stark abfallende Nachfrage, da die meisten potenziellen Konsumenten in den Militärdienst einberufen wurden. Die Franzosen wurden kreativ und umgingen das Verbot geschickt. Anstatt das Kräuterextrakt wie bei der Absintheherstellung zu Destillieren, verdünnte man es einfach mit Zucker und Wasser und fügte noch etwas Lakritzextrakt hinzu. Genau wie Absinthe, goss man es zum Trinken mit Wasser auf. Der Pastis war geboren. Unter den Herstellern voran ein altbekannter Name, der noch heute als Synonym für den Pastis steht: Pernod aus Pontarlier. Trotzdem war der Absinthe nie ganz verschwunden.

 

Der süße Dunst aus dem Untergrund

Ernest Hemingway lebte in den 1930er Jahren in Paris, bevor er nach Kuba ging, wo er seinen Bestseller "Der alte Mann und das Meer" schrieb. Er war als starker Alkoholiker bekannt und Absinthe war sein Lieblingsgetränk, obwohl es zu dieser Zeit verboten war. "Absinthe schmeckt wie Gewissensbisse. Er hat denselben Geschmack und stillt dennoch den Durst." Einen Hang dazu, nach dem Absinthegenuss Dummheiten anzustellen hatte er aber auch.

"Habe mich letzte Nacht mit Absinthe volllaufen lassen und Messertricks probiert. Habe es geschafft, das Messer mit der Unterhand in das Klavier zu werfen. Die Holzwürmer zerfressen dermaßen die ganzen Möbel, dass man immer einfach die Schuld am Schaden auf sie schieben kann."
Ernest Hemingway

1935 veröffentlichte Hemingway sogar das Rezept seines Lieblingscocktails, den er selbst erfunden hatte. Der Name des Cocktails allein ist schon bezeichnend: "Death in the Afternoon"

"Man gieße einen Messbecher Absinthe (ca. 4cl) in ein Champagnerglas und gieße es mit eiskaltem Champagner auf, bis es die richtige, opaleszierende Milchigkeit erhält. Man trinke drei bis fünf von diesen langsam."

Auch in der Schweiz war der Absinthe, trotz Verbot, nie Verschwunden. Besonders im neuenburgischen Val-de-Travers waren die Schwarzbrenner sehr aktiv und auch kreativ. Sie bauten sich die abenteuerlichsten Geheimzimmer und -türen in ihre Häuser, um irgendwo versteckt ihr Lieblingsgetränk zu destillieren. Auch dass regelmäßig Schwarzbrenner bei Hausdurchsuchungen festgenommen wurden, schreckte sie nicht ab. Der Duft des Kräuterdestillats schwebte weiterhin durch das Tal. Der Triumphzug der "grünen Fee" war nicht zu bremsen. Selbst die Schweizer Armee verabreichte noch nach dem Zweiten Weltkrieg den Absinthe im FHD (Frauenhilfsdienst) als Heilmittel gegen Menstruationsbeschwerden.

 

Die Auferstehung der "grünen Fee"

Im Jahr 2005 erst wurde das Verbot in der Schweiz und 2011 in Frankreich endlich aufgehoben. Wissenschaftler bestätigten, dass der Gehalt des Thujons, dem Gift der Wermutpflanze, im Absinthe so gering ist, dass man eine halluzinogene Wirkung des Getränks auch bei übermäßigem Konsum ausschließen kann. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich die Künstler und Poeten der Belle Époque ihre Psychoaktivitäten nur eingebildet haben. Haschisch und Opium werden mit Sicherheit ihren Teil dazu beigetragen haben, aber ebenso, dass das Verlangen nach der grünen Färbung des Absinthes von vielen Herstellern mittels giftigem Kupfersulfat oder Kupferacetat befriedigt wurde. In seinem Ursprung nach traditioneller Herstellung hat der Absinthe so gut wie gar keine Färbung. Höchstens eine leicht blass-grüne Färbung, die aus Chlorophyllrückständen der Kräuter stammt. Je nach Mischungsverhältnis der verwendeten Kräuter, erhält das Getränk beim Aufgießen mit Wasser sogar einen leicht bläulichen Schimmer, also eine "blaue Fee". Eine deutliche, grüne Färbung kann also nur mit Farbstoffen erzeugt werden, die dem puren Geschmackserlebnis des Kräuterdestillats nur im Wege stehen und rein dem folkloristischen Kult dienen. Vom traditionellen Absinthe sind diese also sehr weit entfernt. Dennoch erfreut sich der Absinthe heute wieder einer stetig wachsenden Fangemeinde und taucht immer häufiger auf Getränkekarten auf. Seine Geschichte wird auf der Route de l'Absinthe lebhaft erzählt und namhafte Destillateure berichten stolz über ihre Vergangenheit während der Prohibition.

umgestaltetes Gantner-Plakat 2005


"Fee", "Zaubertrank", "Rute" oder einfach nur ein Traditionsgetränk?

Dass Kräuter eine heilende und wohltuende Wirkung haben ist allgemein bekannt und Wissenschaftlich bewiesen. Dass man in Alkohol besser Wirkstoffe der Kräuter extrahieren kann, als beispielsweise in einem Tee, ist ebenfalls bekannt. Aber wie steht es nun wirklich um die angebliche, halluzinogene Wirkung dieser obskuren "grünen Fee", von der alle sprechen und die Künstler so lebhaft schwärmen? Ich möchte keinesfalls zum übermäßigen Alkoholkonsum anregen und rate natürlich dringend davon ab! Um die Frage, ob Absinthe wirklich "etwas mit einem macht", zu klären, werde ich wohl um einen Selbstversuch nicht herumkommen. Natürlich interessiert mich am meisten der Geschmack und wie er sich mit unterschiedlichen Kräuterkompositionen verändert. Der Geschmack war es schließlich, der den Absinth aus dem kleinen Val-de-Travers hinaus in die ganze Welt bekannt gemacht hat. Ist der ganze "Hokus-Pokus" der Belle Époque überhaupt notwendig?

Fortsetzung folgt... (...wenn alles gut geht.)


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