Die Schweiz, das Land der Wappen

Veröffentlicht von Joelina

Wappen im Appenzell

Ob an Rathausfassaden, in Kirchenfenstern, auf Grabsteinen oder als Gravur auf Siegelringen, Wappen sind in der Schweiz allgegenwärtig. Alle 2121 Gemeinden der Schweiz verfügen über ein eigenes heraldisches Zeichen. Sogar unter Schweizer Familien sind Wappen weit verbreitet. In einigen Regionen, etwa im Kanton Freiburg oder in Bern, besitzen zwischen 80% und 90% der alteingesessenen Familien noch ein eigenes Wappen. In anderen Ländern Europas sind Wappen meist alten Adelsgeschlechtern vorenthalten und ansonsten kaum in der Bevölkerung verbreitet. Die Vielzahl der Schweizer Wappen zeigt entsprechend ein besonders großes und kreatives Spektrum. Mal lassen sie gleich auf den zugehörigen Namen schließen, mal stimmen sie nachdenklich, manchmal lassen sie den Betrachter aber auch schmunzeln.

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Das Wappen – ein mittelalterlicher Lebensretter

Die uns heute bekannte Wappenform entwickelte sich im 12. Jahrhundert. Ihre Entstehung steht in engem Zusammenhang mit den Kriegszügen der damaligen Zeit. In unübersichtlichen Schlachtgetümmeln wurde es für die Kämpfer immer wichtiger, Freund und Feind unterscheiden zu können. Ihre schweren Rüstungen hatten sie nahezu unkenntlich gemacht. Die bemalten Schilde erfüllten zunächst eine ganz praktische Funktion: Sie machten ihre Träger identifizierbar. Ritter führten dabei häufig das Wappen ihrer Lehnsherrn. Es war ein sichtbares Zeichen von Zugehörigkeit und Loyalität.

Auch das Turnierwesen spielte eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der Wappen. Wer an einem Turnnier teilnehmen wollte, musste nachweisen, dass er zum Ritterstand gehörte. Schilde und Helme mit klar erkennbaren Wappen dienten als Legitimation. Die nötige Expertise für diese Kontrolle besaßen die Herolde. Sie waren wappenkundige Bedienstete der Fürsten. Neben der Verifizierung des Ritterstandes waren Herolde auch im Kriegswesen von Bedeutung. Sie beobachteten Schlachten, dokumentierten den Verlauf der Kämpfe und konnten gefallene Soldaten anhand der Wappen identifizieren. Von dieser Berufung leitet sich auch der Begriff der «Heraldik» ab, die Wappenkunde.

Die Heraldik gliedert sich in drei zentrale Bereiche: die Blasonierung (die präzise Beschreibung eines Wappens), die Wappenkunst (Gestaltung nach festen Regeln) und das Wappenrecht (Bestimmungen zur Führung eines Wappens). Bereits ab der Mitte des 12. Jahrhunderts entwickelten sich Leitlinien, später verbindliche Regeln. Die typische Schildform – zunächst dreieckig oder halbrund – blieb prägend für die Darstellung bis heute.


Vom Ritterzeichen zum Statussymbol

Mit dem langsamen Niedergang der politischen Macht des Adels und somit auch dem Niedergang des Ritterstandes verloren die Wappen ihre praktische und militärische Funktion. Dennoch blieben sie als Symbole erhalten. Auch in anderen Gesellschaftsschichten hatten sich Wappen bereits verbreitet. Sie dienten fortan der Repräsentation, als ein Zeichen von Besitz, Rang und gesellschaftlicher Stellung. Wappen repräsentierten dabei nicht nur Einzelpersonen oder Familien, sondern auch Zünfte, Kloster und Bruderschaften sowie Städte und ganze Territorien.

Die Alte Eidgenossenschaft besaß kein gemeinsames Staatswappen. Stattdessen entwickelten sich zahlreiche lokale Zeichen. Bis 1939 war es den Gemeinden nicht vorgeschrieben, dass jede Gemeinde ein offizielles Wappen zu führen hatte. Erst mit der Verpflichtung zur Ausstattung aller Gemeinden mit Flaggen erhielt die kommunale Heraldik einen neuen Schub. Viele jüngere Gemeinden entwarfen ihre Wappen neu.

Im 15. Jahrhundert wurde es üblich, dass Zünfte, Klöster oder Schützengesellschaften neue Rat- und Zunfthäuser sowie Kirchen mit Wappenscheiben beschenkten. Diese Praxis trug wesentlich zur Blüte der Glasmalerei in der Schweiz bei. Eindrucksvolle Fensterreihen sind etwa im Rathaus von Basel oder im Kloster Wettingen erhalten.

Wappentafel der Burgerlichen Gesellschaften der Stadt Bern

Wappenhandel: lukrative Geschäfte der Adligen

Das Schweizerische Wappenrecht ist von einer Besonderheit geprägt, der «freien Annahme». Ursprünglich im adligen Milieu verankert, bedeutete diese, dass grundsätzlich jede Person ein Wappen führen durfte, sofern es nicht mit einem bereits vorhandenen identisch war. Ein Wappen galt rechtlich wie ein materielles Gut. Es war der Besitz seines Trägers und dieser konnte frei über das Wappen verfügen. Es konnte also vererbt, verkauft, verliehen oder auch verschenkt werden. Ab dem 14. Jahrhundert verliehen Herrscher vermehrt ihre Wappen durch sogenannte «Wappenbriefe». Sie waren ein lukratives Geschäft und nicht zuletzt auch ein Zeichen politischer Macht. Heute sind Wappen urheberrechtlich geschützt, doch das Prinzip der freien Annahme gilt nach wie vor. Jede Familie könnte sich noch immer ein eigenes Wappen entwerfen lassen.


Kreative Vielfalt trotz strenger Regeln

Obwohl die schweizerischen Wappen eine enorme Vielfalt aufweisen, folgen sie klaren heraldischen Regeln. Zumindest sollten sie das tun. Besonders strikt sind dabei die Farbkombinationen. Grundsätzlich gilt: Metall, Gold oder Silber, soll an Farbe grenzen. Farbe an Farbe oder Metall an Metall zu setzen, war im militärischen Kontext potentiell tödlicher Fehler. Kontraste waren für die Erkennbarkeit der Wappen in den Schlachten von entscheidender Bedeutung. In der Schlacht konnte dies über Leben und Tod entscheiden. Gleichzeitig herrscht bei der Motivwahl große Freiheit. Menschen, Tiere oder Phantasiewesen, Pflanzen, Werkzeuge oder Waffen, in der Heraldik ist in dieser Hinsicht alles möglich. Dennoch zeigen statistische Auswertungen deutliche Häufungen in Schweizer Gemeindewappen:

  • 296 Gemeindewappen zeigen Berge
  • 218 enthalten Bäume
  • 95 führen Blumen
  • 151 zeigen Vögel
  • 141 zeigen Löwen

Die symbolische Vorherrschaft von Löwe und Vögeln, oft dem Adler, ist kein Zufall. Beide Tiere stehen seit jeher für Macht, Tapferkeit und militärische Stärke. Auffällig ist zudem, dass meist männliche Tiere dargestellt werden. Das ist darauf zurückzuführen, dass während ihrer Entstehungszeit Macht, Tapferkeit und militärische Stärke als männliche Attribute dargestellt wurden. Aus diesem Grund sieht man auch die eigentlich so beliebte Schweizer Kuh so selten auf einem Wappen. Ihr männlicher Verwandter, der Stier, ist viel öfter zu sehen. Im Kantonswappen von Uri ist sein Kopf durch den Nasenring eindeutig als männlich zu identifizieren. Auch Appenzell, Bern, Graubünden, Schaffhausen und Thurgau stellen ihre Wappentiere eindeutig als männlich dar. Im Jargon der Heraldik sind Bär, Steinbock, Schafbock und Löwen «gezotet», also mit Geschlechtsteil dargestellt. Der Adler im Wappen von Genf bleibt von derartigen Männlichkeitsattributen natürlich verschont.
Appenzell (beide Halbkantone), Bern, Graubünden, Schaffhausen und Thurgau mit «gezoteten» Wappentieren.

Berge erscheinen zwar häufig in Wappen, haben jedoch nicht immer eine tiefere Bedeutung. Oft dienen sie schlicht als gestalterischer Hintergrund oder «Platzfüller», um das Wappen harmonisch auszufüllen. Nach den Regeln der Heraldik sollen Wappen nämlich möglichst wenig freie Fläche enthalten.

Insbesondere neuere Wappen sind besonders farbenfroh. So etwa das Wappen der Gemeinde Bettmeralp im Wallis, das gleich sieben Farben vereint. Solche komplexen Kompositionen zeigen, wie kreativ moderne Gemeindewappen gestaltet sein können, auch wenn sie nicht immer alle traditionellen Regeln der Heraldik strikt einhalten.

Bettmeralp VSHauswände, Gräber, Kirchen – Wappen als Sichtbare Identität

Wappen waren stets darauf ausgelegt, sichtbar zu sein. Man findet sie an Hauswänden, auf Möbeln, Zinnkrügen, Briefpapier oder Visitenkarten. Familien liessen sie auf Siegelringe gravieren, um Briefe zu versiegeln.

Im 20. Jahrhundert erlebte die Heraldik eine Art Popularisierung. Noch in der Mitte des Jahrhunderts boten Heraldiker auf Flohmärkten ihre Dienste an. Das Wappen wurde zum persönlichen Zeichen ohne offiziellen Status. Es war Ausdruck von Familienbewusstsein und Traditionspflege. Häufig sind in Familienwappen Elemente dargestellt, die ihren Namen oder ihre Herkunft widerspiegeln, wie beispielsweise ein Spaltmesser für eine Metzgerfamilie oder die Farbe Rot für eine Familie Roth. Solche sogenannten «redenden Wappen» verbinden Symbolik mit Identität.

Wappen der Familie Benz von Bern: Bär mit Spaltmesser.Zudem geraten einzelne Motive in die Kritik. Darstellungen von «Mohren» in Gemeindewappen, wie etwa bei den Aargauer Gemeinden Möriken-Wildegg und Mandach, werden im Kontext aktueller Rassismusdebatten hinterfragt. Heraldik ist eben nicht nur historisches Erbe, sondern auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklungen ist. Ursprünglich stammt der «Mohr» im Wappen von Möriken-Widegg aus dem Jahr 1592, der von Mandach sogar aus dem Jahr 1340.

Möriken-Wildegg und MandachDie jahrhundertealte Tradition der Schweizer Wappen steht allerdings vor großen Herausforderungen. In der Westschweiz soll es nur noch einen Heraldiker geben, der Wappen von Hand anfertigt. Es fehlt an Nachwuchs und an Interesse bei jüngeren Generationen. Gleichzeitig unterliegt die Heraldik modischen Zyklen. Vielleicht steht auch ihr eine Wiederbelebung bevor.


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