Silvesterchlausen im Appenzell

Veröffentlich von René

Winter im Appenzell

31. Dezember, Urnäsch im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Die Kirchenglocke am Dorfplatz läutet fünf mal. Die meisten Einwohner liegen an diesem frühen Morgen noch in tiefem Schlummer und bereiten sich auf den Jahreswechsel vor. Der fünfte Glockenschlag verstummt und plötzlich reißt ein ohrenbetäubender Lärm unzähliger, riesiger Kuhglocken auch die letzten Schlafmützen aus dem Tiefschlaf. Im angrenzenden Gasthaus tappst ein ahnungsloser Tourist ans Fenster und sieht: nichts. Die Straßenbeleuchtung ist aus. Nur im schwachen Schein der Weihnachtsbeleuchtung einiger Dachgiebel zeichnen sich die Silhouetten einer größeren Menschenmenge ab. Der Kuhglockenlärm flaut allmählich ab, bis wieder Stille einkehrt. Doch als der Tourist sich gerade wieder hinlegen will, fängt draußen auf dem Dorfplatz jemand an zu jodeln, ganz ohne Text, nur auf eine schöne Melodie bedacht. Nach und nach setzen weitere Stimmen mit ein, bis die ganze Menschenmenge auf dem Platz im Chor jodelt. So schön, dass es einem durch Mark und Bein fährt. Gänsehaut. Als es wieder Still ist, geht die Straßenbeleuchtung wieder an und der erstarrte Tourist sieht: nichts. Der Platz ist wie leergefegt, als wäre es nur ein seltsamer Traum gewesen.

Dass es kein Traum war, wird selbst der ahnungslose Tourist im Laufe des Tages noch feststellen können, denn immer wieder wird von irgendwo her ein Kuhglockengeläut mit anschließendem Gejodel ertönen und seltsam kostümierte Gestalten tauchen auf und ziehen wieder weiter. Man hat schließlich das große Glück, Zeuge eines der ältesten, beliebtesten und schönsten Bräuche der Schweiz zu sein. Das Silvesterchlausen im Appenzell.

 

Reformatoren gegen Ruhestörung und der Nikolaus bekommt Geschenke

Erstmals schriftlich erwähnt wurde dieser Brauch im Jahr 1663, nämlich im Zusammenhang mit einem Verbot. Die Reformation im frühen 16. Jahrhundert hatte bereits das Appenzell in zwei Halbkantone gespalten: das katholische Appenzell Innerrhoden und das reformierte Appenzell Ausserrhoden. Zu dieser Zeit pflegte man den Brauch noch in der Weihnachtszeit, denn wie der Name "Chlausen" schon vermuten lässt, hat er mit dem Heiligen Nikolaus zu tun. Ein Zusammenhang mit ähnlichen Bräuchen heidnischen Ursprungs, die Dämonen und böse Geister zu vertreiben beabsichtigen, wie die Tschäggätta im Walliser Lötschental, kann also ausgeschlossen werden. Die reformierte Landkirche erklärte die Weihnachtszeit aber zur Ruhezeit und verbot das "St Niclaussen an dem H. Wiehnachtfest [...] mit Herumblauffen, Polderen und Schellen bey der Nacht". Pfiffig, wie die Appenzeller sind, verlegten sie den Brauch einfach auf den Silvestertag. Rebellisch, wie die Appenzeller sind, hielten sie sich dabei an den alten Julianischen Kalender, demzufolge Silvester auf den 13. Januar fiel. Den bereits 1582 eingeführten Gregorianischen Kalender akzeptierten sie erst im 19. Jahrhundert. Doch neben dem 31. Dezember als Silvestertag, behielt man zusätzlich auch den 13. Januar als Altsilvester bei, um den Brauch zu pflegen. Es sei denn, einer der beiden Tage ist ein Sonntag. In dem Falle wird der entsprechende Termin auf den Samstag vorverlegt.

Der Nikolaus zieht bekanntlich von Haus zu Haus, um Geschenke und Segen zu verteilen. Die Silvesterkläuse bringen halt ein Ständchen und wünschen ein frohes neues Jahr, wie es anderswo für gewöhnlich die Sternsinger am Dreikönigstag tun. Dass die Silvesterkläuse aber auch wie die Sternsinger Spenden sammeln, lässt wiederum auf den Ursprung des Brauches schließen. Zu Zeiten des Hungers und der Armut war das "Bettelchlausen" weit verbreitet. Die Armen zogen von Haus zu Haus und sangen ein Lied, um im Gegenzug dafür eine Spende oder etwas zu essen zu erhalten. Besonders in der Weihnachtszeit ist die fromme und besser betuchte Gesellschaft bekanntlich spendabler als sonst und das Klausen deutlich lukrativer. Heute geht es natürlich weniger um großzügige Spenden, als um eine schöne Geste mit großem Symbolcharakter.

 

Schöne Schuppel und Wüeschte Schüppli

Zurück zum Dorfplatz. Außer den ahnungslosen Touristen und einigen Schlafmützen im Dorf, gibt es auch viele, die extra früh aufstehen, um sich auf dem Platz zu versammeln und das "Frühchlausen" zu bewundern. Dieses Spektakel sollte man sich nicht entgehen lassen. Dass die Straßenbeleuchtung dazu extra ausgeschaltet wird, verleiht dem Ganzen nicht nur eine besonders mystische Atmosphäre, sondern hat auch guten Grund. Um 5 Uhr früh treffen sich dort alle Kläuse, noch unkostümiert, um sich nach ihrem Ritual in ihre Gruppen aufzuteilen, in denen Sie dann von Haus zu Haus ziehen. Nachdem es also am Dorfplatz wieder still geworden ist und die Kläuse verschwunden sind, treffen Sie sich in ihrem jeweiligen Schuppel, dem Appenzeller Wort für "Gruppe", um sich gemeinsam und gegenseitig zu kostümieren. Die Kostüme sind so aufwendig, dass es alleine praktisch unmöglich ist. Jeder Schuppel hat seine eigenen Kostüme, an denen das ganze Jahr über unter strengster Geheimhaltung gebastelt wird, wobei es drei verschiedene Arten von Schuppel gibt.

  • Die älteste Art von Kläusen nennt man "die Schöne". Sie tragen kunstvoll gearbeitete Trachten aus buntem Samt, mit hunderten bunten Glasperlen und reichlich Schmuck verziert. Vor dem Gesicht eine hübsch bemalte Maske und auf dem Kopf ein riesiges Gebilde aus handgeschnitzten Figuren, die meist Szenen aus Appenzeller Festen oder Traditionen darstellen, oft mit bunter Beleuchtung und reichlich Glasperlen besetzt.
  • Als Kontrast zu den Schönen gibt es "die Wüeschte" ("die Wüsten"). Sie sind natürlich alles andere als schön und erinnern mehr an heidnische Waldgeister und Dämonen. Ihre Kostüme bestehen ausschließlich aus Naturmaterialien wie Tannenzweigen und Stroh und werden nicht kunstvoll geschmückt. Auch der Kopfschmuck fehlt. Eine gruselige Dämonenfratzenmaske vor dem Gesicht.
  • Als Schattierung zwischen beiden Gegensätzen, gibt es zudem noch "die Schö-Wüeschte" ("die Schön-Wüsten"). Auch ihre Kostüme bestehen aus Naturmaterialien, wie bei den "Wüeschte", jedoch werden sie noch hübsch verziert und geschmückt und tragen eine hübsche Maske, wie die "Schöne".
"die Schöne"© Appenzellerland Tourismus AR
"die Wüeschte"© Appenzellerland Tourismus AR
"die Schö-Wüeschte"© Appenzellerland Tourismus AR

Abgesehen vom äußeren Erscheinungsbild, unterscheiden sich die Schuppel in ihrem Auftreten überhaupt nicht voneinander. Ein Schuppel besteht aus sechs bis zwölf Kläusen. Zwei Kläuse pro Schuppel treten als "Rollenweiber" auf. Sie tragen Frauenkleider und -masken und auf dem Rücken und der Brust hängen an Gurten befestigt mehrere sogenannte "Rollen". Das sind kugelförmige, eingeschlitzte Glocken. Die männlichen Figuren hingegen tragen große Senntumschellen, große Kuhglocken, die schon in der Schmiede klanglich aufeinander abgestimmt werden. Die "Wüeschte" und "Schö-Wüeschte" hängen sich jeweils eine um, die "Schöne" tragen sogar zwei davon. Eine auf der Brust und eine auf dem Rücken. Wenn man beachtet, dass eine Senntumschelle bis zu 10 Kilogramm auf die Waage bringt und die Kläuse damit den ganzen Tag herumchlausen müssen, so wundert es nur wenig, dass traditionell nur Männer im Schuppel mitziehen und sich auch als "Rollenweiber" verkleiden. Dieser Tagesplan verlangt offensichtlich eine gute sportliche Kondition, wenn man im kalten Winter mit Kostüm, Maske und schweren Glocken durch die verschneiten Hügel des Appenzellerlandes von Haus zu Haus ziehen will. Es gibt zwar auch Schuppel, die ausschließlich aus Kindern bestehen, darunter auch vereinzelt Mädchen, aber diese "Goofeschüppli" haben natürlich einen weniger vollen Tagesplan und weniger Gewicht zu tragen.

Nachdem sich jeder Schuppel nun, nach dem Frühklausen, gestärkt und kostümiert hat, machen sie sich auf zum "Aachläuse". Jedes Haus und jeder Hof im Dorf und der ländlichen Umgebung wird von einem Schuppel "angeklaust". Der "Vorrolli", eins der "Rollenweiber" geht vor, die "Schelli" mit den großen Senntumschellen folgen ihm, der "Noerolli" ("Nachrolli") geht am Schluss. An jedem Haus stellen sich die Kläuse zunächst im Kreis auf und schütteln sich, um mit ihren Glocken die Bewohner herauszulocken. Dann beruhigen sie sich, die Schellen und Rollen verstummen und die Kläuse stimmen ein "Zäuerli" an. Das ist der berühmte, wortlose Appenzeller Naturjodel der aus langen Tönen und wunderschönen, oft melancholisch anmutenden Melodien besteht. Auf das Zäuerli folgen noch ein zweites und ein drittes Zäuerli, bevor sich der Schuppel endlich an die Bewohner wendet und per kräftigem Händedruck "es guets Neus" wünscht. Zum Dank erhalten die Kläuse von den Bewohnern entweder eine Geldspende, oder einen wärmenden Glühwein oder heißen Most. Zum Abschied lärmen sie noch ein Mal mit ihren Schellen, dann klausen sie sich an das nächste Haus an. Am Abend des 31. Dezembers, nachdem jedes Haus in der Region angeklaust wurde, ziehen die Schuppel in die Gaststätten ein. In den Stuben führen sie noch ein letztes Mal ihr Ritual auf, bevor sie endlich ihre letzte Spende vor dem Jahreswechsel erhalten: Freibier!

Ein Schuppel "Schöne" klaust sich an© Appenzellerland Tourismus AR
Ein Schuppel "Wüeschte" klaust sich an© Schweiz Tourismus / Roland Gerth

 

Neujahrsvorsätze

Verglichen mit den Sternsingern, die an jeder Haustür ein Kirchenlied singen ist dieser Brauch zum Jahreswechsel doch deutlich spektakulärer. Da wundert es wenig, dass das Silvesterchlausen sich besserer Pflege und größerem Interesse erfreut. Auf diese Weise seinen Mitmenschen gute Neujahrswünsche zu überbringen, ist etwas Wunderschönes, das gerade in Zeiten von WhatsApp, Facebook und E-mail als "happy new year"-Kurznachrichtendiensten immer mehr an Bedeutung gewinnt. Verzichten Sie doch einfach auch beim nächsten Jahreswechsel auf digitale Grüße. Besorgen Sie sich eine möglichst große und laute Kuhglocke, verkleiden und maskieren Sie sich, gehen Sie zu Ihren Nachbarn, bimmeln und jodeln diesen etwas vor und wünschen ihnen ein frohes neues Jahr. Probieren Sie es einfach aus! Man wird es Ihnen bestimmt mit einem Glühwein danken.


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