Die Wetterpropheten aus dem Muotathal

Veröffentlich von René

Die Muotathaler Wetterpropheten

"Wie wird eigentlich das Wetter?" - Kaum eine Frage beschäftigt die Menschen seit Jahrtausenden mehr. Selbst wenn man nicht weiß, worüber man sich mit seinem Gegenüber unterhalten soll, bleibt immer noch das Wetter als Small-Talk, um peinliches Schweigen zu vermeiden. Dass wir Menschen vom Wetter abhängig sind, ist nicht abzustreiten. Wir müssen unsere Kleidung dem Wetter anpassen, unsere Häuser dem entsprechenden regionalen Klima, unser Essverhalten den Jahreszeiten und so weiter. Ganze Existenzen sind wetterabhängig, besonders in der Landwirtschaft. Bauern waren schon immer auf präzise Wetterprognosen angewiesen, damit sie beispielsweise noch rechtzeitig vor dem nächsten Regen das Feld abmähen können oder wissen, wann sie selbst für eine Bewässerung der Felder sorgen müssen.

Moderne Meteorologie, für jeden zugänglich, gibt es allerdings erst seit einigen Jahrzehnten, seit der Verbreitung des Rundfunks. Besonders Langzeitprognosen sind aber äußerst unzuverlässig und seriöse Meteorologen wagen sich in der Regel nicht an Vorhersagen, die mehr als zwei Wochen umfassen. Dabei ist doch gerade das für uns von großem Interesse.

"Wann kommt der Sommer?"
"Lohnt es sich einen Urlaub in der Schweiz zu buchen, oder wird der Sommer zu verregnet zum Wandern, oder der Winter zu schneearm zum Skifahren?"
"Gibt es dieses Jahr weiße Weihnachten?"

Höchstens mit Spekulationen und Kaffeesatzleserei werden diese Fragen von den Wetterfröschen in den Medien beantwortet, wenn sie mehrere Wochen oder gar Monate im Voraus gestellt werden. Es muss doch auch eine andere Möglichkeit geben, diese Fragen einigermaßen zuverlässig zu beantworten! Dazu reisen wir ins Muotathal im Kanton Schwyz.

 

Das Muotathal

Ein enges Tal, flankiert von steilen Berghängen und Felswänden, das Flüsslein Muota fließt gemütlich gen Vierwaldstättersee. Eine scheinbar recht lebensfeindliche Gegend und doch wurde dieses Tal schon vor über 1000 Jahren von den Alemannen besiedelt. Bis ins 19. Jahrhundert führten nur wenige Sumpfpfade ins Muotathal. Alp- und Landwirtschaft sind hier nach wie vor der dominierende Wirtschaftszweig. Ein nennenswertes Wirtschaftswachstum scheint hier aber nie wirklich stattgefunden zu haben. Nur wenige kleine, aber hübsche und malerische Dörfer mit insgesamt nur 3500 Einwohnern, geprägt von ländlicher Volkstümlichkeit und Brauchtumspflege, liegen im engen Tal zur Gemeinde Muotathal vereint. Natürlich ist diese Gemeinde eine Hochburg Schweizer Ländlermusik.

Aber wie haben es die Bauern hier über Jahrhunderte geschafft, zu überleben und erfolgreich ihre Felder, Alpen und Weiden zu bewirtschaften, ohne einen professionellen Meteorologischen Dienst, der sie rechtzeitig vor Regen, Unwetter und Lawinen warnt?

Gleiches fragt man sich übrigens auch in vielen anderen Tälern der Schweiz, in denen die Natur so nah und bedrohlich erscheint, wie sonst nirgendwo. Selbst die Wettervorhersagen im Fernsehen sind selten in der Lage, das Wetter auch nur wenige Tage im Voraus präzise für hohe Berglagen zu prognostizieren. Zu oft wird man beim Wandern von urplötzlich auftauchenden Gewittern überrascht, wo der Wetterbericht noch strahlenden Sonnenschein bei 0% Niederschlagswahrscheinlichkeit vorhersagte. Aber mit den Jahren lernt man als erfahrener Wanderer, das Wetter des Tages oder der Woche einzuschätzen, indem man die Wolken und den Wind beobachtet. Nach diesem Prinzip verfuhren auch die Bauern seit Jahrhunderten. Viel weniger die uns heute bekannten Bauernregeln, als präzise Beobachtung der freien Natur dienten als "Wetterstationen". Im Muotathal wird diese alte Methodik heute noch als Brauchtum gepflegt. Und das sogar mit außerordentlichem Erfolg, der die Muotathaler schweizweit bekanntgemacht hat.

Stoos-Muotathal

 

Die hohe Kunst, das Wetter zu riechen

Jeder Schweizer kennt die "Muotathaler Wetterschmöcker". In den Nachrichten und selbst in der Werbung stößt man auf sie. Ältere Herren, meist mit traditioneller Kleidung, sagen nach alter Weise das Wetter vorher. Dazu gehört eben auch, wie der Name vermuten lässt, das "Schmecken/Riechen". Und das über ein halbes Jahr im Voraus! Wie kann das nach modernen, wissenschaftlichen Erkenntnissen keine Kaffeesatzleserei sein? Die Wetterschmöcker erwecken jedenfalls nicht den Eindruck, besonders ernst genommen werden zu wollen. Sie kriechen durch die Wälder, über Wiesen, beobachten stundenlang den Himmel, die Tiere, Pflanzen, zupfen Blümchen oder setzen sich sogar in Ameisenhaufen, um am ausgestoßenen Duft der Ameisen das Wetter vorherzusagen, während diese auf ihnen herumkrabbeln. Und wenn sie beim Pfeiferauchen husten müssen, soll dies ein Anzeichen für einen Wetterumschwung sein. Irgendwie erinnern sie an den Druiden Miraculix von Asterix, der alleine in den Wald geht und den Finger in den Wind hält, um einen Angriff der Römer vorherzusagen und dann nach Druidengeheimrezept einen Zaubertrank braut. Auch die Wetterschmöcker behalten ihre Methoden für sich. Obendrein nennen sie sich selbst auch noch "Wetterpropheten". Ihr Motto: "...wissen alles, sagen wenig."

Die Wetterpropheten 1979Diese sechs Wetterpropheten bilden den "Meteorologischen Verein Innerschwyz". Ihre Vorgänger gründeten den Verein bereits 1947, als die Wettervorhersagen durch Naturbeobachtungen immer mehr vom meteorologischen Dienst im Radio verdrängt wurden und die alte Kunst in Vergessenheit zu geraten drohte. Seither versammeln sich die sechs Wetterpropheten zwei mal Jährlich vor Presse und Publikum, um ihre Prognosen für das nächste halbe Jahr kundzutun. Ernst bei der Sache sucht man hier vergebens. Ihre Vorhersagen sind oft gewürzt mit einer tüchtigen Prise Humor. Auch Witze erzählen sie dabei von Herzen gern. In ihren Vereinsstatuten verpflichten sie sich, "Wettervorhersage", sowie "die Geschehnisse des Tages [...] in humorvoller Weise zu skizzieren und den Versammelten zu ihrer Beratung und Beschlussfassung zu unterbreiten, jedoch unter der Voraussetzung, niemandem Weh zu tun, oder zu schaden. [...] Eine Freud für Jung und Alt! Lustig in Ehren, kann niemand verwehren." Als Konkurrenz zur wissenschaftlichen Meteorologie verstehen sie sich also nicht. Einfach als Alternative oder Ergänzung mit anderen Methoden und anderen Wissensgebieten, auf denen ihre Vorhersagen basieren. Eine originelle Brauchtumspflege ist es jedenfalls.

Aber was ist an ein paar alten, witzeerzählenden Wetterwahrsagern so spannend, dass sie so berühmt sind? Angeblich ist es die Präzision ihrer Vorhersagen. Sie selbst konkurrieren untereinander und rangieren sich gegenseitig mittels Punktevergabe. Bei den Versammlungen überprüfen sie, wer das Wetter für das letzte halbe Jahr am genauesten vorhergesagt hat und zeichnen den Gewinner aus. Da jeder der sechs Propheten seine eigenen Methoden hat, muss es zwangsläufig Abweichungen untereinander geben. Doch eine Mehrheit der sechs Prognosen lässt sich fast immer auf eine gemeinsame zusammenfassen. So sagten sie beispielsweise für das Jahr 2021 einen äußerst regenreichen Sommer mit Flutkatastrophen voraus. Leider behielten sie bekanntermaßen Recht damit.

 

Trafen die Prognosen für 2022 zu?

Laut Wetterpropheten sollte der Januar wenig winterlich und zu warm beginnen, und dann mit nasser Kälte in den Februar übergehen, der später wieder wärmer wird und stürmischen Westwind bringt.
- Tatsächlich traf genau dies laut Schweizer Wetterdienst ein. Besonders markant: das Sturmtief "Roxana" im Februar.

Für März sagten sie zunächst Wärme und schönes Wetter voraus, dann einen ungemütlichen Start in den April, ab Ostern aber gar sommerliche Temperaturen und Sonnenschein:
"An Ostern müssen die Hasen die Ohren spitzen, sonst sieht man sie nicht im hohen Gras."
- Auch dies traf zu. Der März war zu warm und trocken, dann typisches Aprilwetter und Ostern sommerlich warm.

Der Mai sollte laut Wetterpropheten sehr wechselhaft und regnerisch starten, aber schließlich wieder sommerlich warm werden, bevor im sehr heißen Juni heftige Gewitter aufziehen werden.
"Die Älpler ohne Vollbart haben zu kämpfen mit Brämen und Mücken."
- Treffer! Genau so traf es ein.

Im Juli sollte sich die Hitzewelle fortsetzen, ebenso vereinzelte Hitzegewitter. Die Empfehlung dazu:
"Die Sonnencreme trocknet auf der Haut aus und bröckelt ab. Besser wäre altes Pommes-Frites-Öl."
- Die tatsächlichen 40°C Hitze habe ich nicht vergessen.

Für den Bundesfeiertag am ersten August sagten sie "kein Raketenwetter" voraus. Danach hingegen wieder Hitze:
"Bier, Most und Mineralwasser haben Hochkonjunktur. Es wird nur noch gesoffen."
- Auch hier behielten die Wetterschmöcker recht und die Dürre setzte sich fort.

Bis in den September hinein sollte die Hitzewelle andauern, bevor der erhoffte Regen endlich einsetzen würde.
"Die Jäger sollten Korkzapfen auf die Gewehrläufe stecken, sonst werden sie mit Regenwasser gefüllt."
Sogar erster Schnee sollte fallen, bevor ein warmer Herbst den Oktober einläutet, der schließlich wieder kühles und wechselhaftes Wetter bringt.
- Der September war immerhin der Vorhersage entsprechend, im Oktober haben sie sich aber teilweise geirrt. Auf das wechselhafte Wetter folgte jedenfalls noch eine kleine "Hitzewelle" mit sommerlichen 25°C am Ende des Monats.

Warmes Wetter sagten sie jedoch für Anfang November voraus: "Bis Mitte herrscht ein kleines 'Martini-Sömmerli'", also warm und trocken wie ein Martini bis am St. Martinstag (11.11.). Dann schließlich wechselhaftes Wetter und Wintereinbruch.
- Es war tatsächlich so warm, dass Skirennen mangels Schnee abgesagt werden mussten. Das Monatsende hingegen wechselhaft und der erste Schnee bedeckte das Land.

Die klassische Frage nach Weißer Weihnacht wurde ebenfalls beantwortet. Der Dezember startet winterlich kalt mit viel Schnee, dann zieht ein warmer Föhnwind auf.
"Müsste dieser Fall eintreten, gibt's Grüne Weihnachten."
- Wie es aussieht, hatten sie auch hier wieder Recht. Die professionellen Meteorologen stimmen übrigens zu.


Fazit:

Es ist überraschend, erstaunlich, verblüffend und einfach faszinierend wie präzise die "Wetterpropheten" das Wetter mit ihren Methoden über ein halbes Jahr vorhersagen können. Dass die Natur ihnen diese Methoden ermöglicht, um so mehr. In Stadtgebieten, wo Wolken noch stärker durch Emissionen beeinflusst werden, das Verhalten der Tiere durch Beleuchtung und Lärm, die Pflanzen durch Pestizide und die Ameisen mit Gift bekämpft werden, dort wird ein Wetterschmöcker wohl an seine Grenzen stoßen. Aber da im Muotathal, wo die Welt noch halbwegs in Ordnung ist, scheint der ideale Ort zu sein, um verlässliche Prognosen zu machen. Da zieht es einen doch gleich wieder in die Berge.

Apropos: Was sagen die Propheten eigentlich über den kommenden Winter?

"Wann wäre der beste Zeitpunkt für Skiferien in der Schweiz?"
"Wann kommt endlich der Frühling mit dem ersten Wanderwetter?"

 

Die Prognose der Muotathaler Wetterpropheten für den Winter und Frühling 2023

Der Januar startet mild und überwiegend schön. Nach dem Dreikönigstag wird es erst wechselhaft, bevor der Winter wieder mit Schnee zurückkehrt.
"Nach Mitte bis Ende Januar können die armen Katzenböcke wegen der Kälte keine Nachzucht erzeugen."

Die Kältewelle wird sich im Februar fortsetzen und reichlich Schnee bringen.
"Die Skilifte die zu wenig Strom haben, sollten auf Dampfbetrieb umstellen."
Immerhin soll ein schönes Bergwetter ab der letzten Woche zu erwarten sein.

Der März wird kaum den Frühling bringen.
"Man könnte meinen, der Winter fängt erst jetzt an, Schnee hinauf bis zur Gurgel."
Nass, kalt und viel Schnee. Abgesehen von ein Paar schönen Tagen zur Monatsmitte, bleibt auch das Monatsende nass und kalt.

Der April macht zunächst so weiter. Doch zu Ostern soll endlich der Frühling einziehen:
"Ostersonntag (9.4.) schön, so dass Osterhasen gute Verstecke brauchen für die Schoggihasen damit sie nicht schmelzen an der Sonne."

 

Man darf gespannt sein, ob diese Prognosen tatsächlich eintreffen werden. Aber selbst wenn die Vorhersagen sich nicht bewahrheiten sollten, so sind sie immerhin äußerst unterhaltsam und bieten viel Anlass zum Schmunzeln. Wir werden das Wettergeschehen aufmerksam verfolgen und die sechs Propheten, die sich Tobel-Kari, Tannzapfen, Naturmensch, Wettermissionar, Musers und Jöri nennen, im Mai erneut auf den Prüfstand stellen. 


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