Das Mittelalterspektakel Hinwil – Eine Zeitreise mit Magie, Märchen und Käsefüßen

«Hurta», schallt es über den Marktplatz. Die Hufe der Pferde stoßen in den Sand, immer schneller stürzen die berittenen Krieger aufeinander zu. Mit lautem Knall prallt die Lanze auf die eiserne Rüstung des Gegners. Enttäuschtes Seufzen und tosender Jubel durchziehen die Zuschauerreihen. Die spannungsgeladene Atmosphäre, der Nervenkitzel – ein unbeschreibliches Gefühl, das man nur begreifen kann, wenn man es selbst erlebt hat. Also auf, zum Mittelalterspektakel in Hinwil!
Das Mittelalter – Faszination seit dem Kindesalter
Seit 2013 verwandelt sich Erlosen in der Gemeinde Hinwil im Kanton Zürich jedes Jahr zwischen Mai und Juni in eine lebendige Zeitkapsel. Ein Besuch des Mittelalterspektakels versetzt einen direkt zurück in diese raue, manchmal düstere, aber immer faszinierende Epoche. Immerhin bleiben die finsteren Seiten und die hygienischen Zustände des Mittelalters den Besuchern erspart.
Die Begeisterung für das Mittelalter begleitet viele schon seit der Kindheit. Zu Karneval hat man sich als Ritter oder Prinzessin verkleidet, im Schulunterricht gebannt den spannenden Geschichten über Burgen gelauscht und bei Filmen und Serien mitgefiebert. Auch wenn unsere Vorstellung vom Mittelalter oft romantisiert ist, bleibt die Faszination ungebrochen. Beeindruckende Burgen, imposante Stadtmauern, epische Schlachten und eine geheimnisvolle Atmosphäre bieten den perfekten Nährboden für Fantasie und für gutes Filmmaterial.
Hinter dem größten Mittelalterspektakel der Schweiz steht der Verein «Turnei.ch». Drei Tage lang unterhalten über 1000 Mitwirkende alle Mittelalterbegeisterten der Umgebung und aus der ganzen Schweiz. Der große Mittelaltermarkt, Ritterturniere, Akrobatik, Musik und Märchenstunden bieten für jeden Geschmack das richtige Programm. Kein Wunder, dass der Markt jedes Jahr über 10.000 Besucher anzieht. Die Darsteller sind vollständig in mittelalterliche Trachten gehüllt und verleihen dem Gelände Authentizität. Auch Besucher sind herzlich eingeladen, sich entsprechend zu kleiden. Das Tragen von Show-Waffen ist erlaubt und sogar erwünscht. Geschliffene oder scharfe Waffen sind selbstverständlich verboten.



Der große Markt: Schwerter, Märli und Käsefüße mit Fußpilz
Ein zentrales Highlight ist der große Mittelaltermarkt, der zweifelsohne zu den Hauptattraktionen des Wochenendes zählt. Doch was genau versteht man heute unter einem Mittelaltermarkt? Im Kern ist es eine Marktveranstaltung mit Volksfestcharakter, bei der das mittelalterliche Ambiente im Mittelpunkt steht. Händler und Handwerker verkaufen Kunsthandwerk wie Felle, Kräuter, Lederwaren, Schmuck oder Hieb- und Stichwaffen. Alles geschieht im passenden historischen Rahmen mit mittelalterlichen Gewändern, zeitgenössischen Floskeln und stilechter Musik.
Wer durch den Markt schlendert, begegnet Gauklern, Musikern, Rittern und Magiern. Kinder und Erwachsene können sich gleichermaßen an interaktiven Angeboten erfreuen: Bogen- und Armbrustschießen, Edelsteine schleifen, Holzschwerter basteln. Es wird gespielt, gelacht und gestaunt. Besonders beliebt sind auch die Geschichten, Sagen und «Märli» (hochdt.: «Märchen»), die von «Märlin» höchstpersönlich erzählt werden.
Natürlich ist auch für das leibliche Wohl gesorgt. Die mittelalterliche Erlebnisgastronomie bietet herzhafte Speisen wie Spanferkel, Lángos, Quarkinis, Eintöpfe und mehr. Im «Saftlade» von Turnei wird Met ausgeschenkt. Auch Rum, Gin, Whisky und ausgewählte Weinspezialitäten stehen bereit. Natürlich gibt es auch Käse: «Käsefüsse» (Obwaldner Bratkäse auf Brot in Fußform), wahlweise auch mit «Fusspilz» (Champignons) sind seit vielen Jahren das kulinarische Highlight am Mittelalterspektakel. Wer das Mittelalter mit allen Sinnen erleben will, ist hier genau richtig.



Spannende Ritterturniere und lehrreiche Geschichtsstunden
Ein weiteres Highlight ist das große Ritterturnier, die «Turnei». Mit schwerer Rüstung, auf kräftigen Pferden und bewaffnet mit Lanzen stürzen sich die Ritter in den Kampf. Ihr Ziel: mit einem gezielten Stoß den Gegner vom Pferd zu holen. Früher waren diese Turniere entweder eine soziale Aufstiegschance oder der Weg in die Armut. Der Gewinner eines solchen Turnieres wurde oftmals mit der Ausrüstung und dem Ross des Verlierers belohnt. Alternativ konnte ein Lösegeld ausgehandelt werden. Ärmere Ritter konnten es sich oftmals nicht leisten, ihr Pferd und ihre Ausrüstung abzutreten und waren somit zum Erhalt ihrer Existenz dazu gezwungen, Lösegelder zu zahlen. Als erfolgreicher Ritter ließ sich im Umkehrschluss gutes Geld machen.
Im hinteren Teil des Geländes liegt das Lager. Dort wohnen während des gesamten Fests die Darstellerinnen und Darsteller, die unterschiedliche Epochen und Kulturen des Mittelalters lebendig werden lassen. Die Gruppen geben ihr Wissen weiter – über Religion, Kleidung, Waffen, Alltagsleben und Geschichte. Ob Ritter des europäischen Hochmittelalters, Schweizer Eidgenossen, römische Legionäre oder keltische Stämme: Die Vielfalt und Liebe zu den Details der Schweizer Geschichte machen diesen Bereich zu einem besonders lehrreichen Erlebnis.



Ein Mittelalterspektakel, das seinen Namen verdient
Auch abseits der großen Shows gibt es ständig etwas zu entdecken. Gaukler ziehen über das Gelände, Spielleute sorgen für musikalische Begleitung. Falknerei, Töpfern, Schmiedevorführungen, Kakerlakenrennen und zahlreiche Mitmach-Aktionen lassen das Mittelalter hautnah erleben. Das Fest ist ein Erlebnis für die ganze Familie. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren erhalten in Begleitung eines erziehungsberechtigten Erwachsenen freien Eintritt. Geburtstagskinder, egal welchen Alters, dürfen sich ebenfalls über freien Eintritt freuen.
Ein Tipp für alle, die das ganze Wochenende bleiben möchten: Es ist nicht nötig, jeden Tag erneut anzureisen. Direkt vor Ort kann man gegen einen Aufpreis campen – entweder in einem einfachen Zelthotel auf dem Gelände oder auf einem nahegelegenen Campingplatz für Autos und Wohnwagen. Tagesgäste reisen am besten mit dem Zug an. Vom Bahnhof Wetzikon fährt ein kostenloser Shuttlebus regelmäßig direkt zum Eventgelände. Wer das Mittelalter nicht nur sehen, sondern erleben will, kommt in Hinwil voll auf seine Kosten. Und wenn wieder «Hurta!» über den Platz schallt, dann weiß man: Die Zeitreise hat begonnen.



