«Harder Potschete» - Interlaken verabschiedet das alte Jahr und den Winter

Veröffentlicht von Joelina

© Harder-Potschete Interlaken
Es ist der 2. Januar. Ein feuchter Nebel liegt schwer über Interlaken. Zwischen den dunklen Silhouetten der Berner Alpen liegt eine seltsame Spannung in der kalten Luft. Aus dem nahen Harderwald dringen schaurige Geräusche: Knacken, Flüstern, ein fernes Läuten. Kein gewöhnlicher Spaziergänger ist heute unterwegs. Das «Hardermannli» geht um. Begleitet von einem wilden Trupp geisterhafter Gestalten, blickt es finster drein.

Die Gestalten sind in kunstvoll mit Moos, Wurzeln, Tannenzapfen und Schneckenhäusern verzierte Jutesäcke gehüllt. Ihre hölzernen Masken wirken lebendig: verzerrte Fratzen mit funkelnden Augen, wie aus einem Albtraum. Die «Harder-Potschete» ist ein uralter Brauch, bei dem sich gruselige Waldwesen, Geister, Musikanten und Kinder mit Schweinsblasen in einem wüsten Spektakel vermengen.

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Das «Hardermannli» – tödliche Verfolgungsjagd am Berg

Wer ist diese düstere Figur, das «Hardermannli», das Jahr für Jahr aus dem Schatten des Harderwaldes auftaucht? Etwa 200 Meter unterhalb des Harder-Kulm, dem Hausberg von Interlaken, befindet sich ein markanter Felsabbruch. Wer genau hinschaut und ein wenig Fantasie mitbringt, erkennt in dieser bizarren Gesteinsformation ein menschenähnliches Gesicht, eine Schulterpartie, vielleicht sogar eine Mönchskutte aus Stein. Um diesen Sagenumwobenen Ort, rankt sich eine düstere Erzählung.

Als das Kloster Interlaken auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, waren die Mönche wohl eher dem Prunk als der Demut geneigt. Dekadenz und Übermaß herrschten, wo einst Bescheidenheit gelehrt wurde. Einer dieser gefürchteten Mönche, so heißt es, wanderte eines Tages im Harderwald. Dort begegnete er einem jungen Mädchen aus Unterseen, das Holz sammelte. Sie floh in Panik durch das Dickicht, über Wurzeln und Hänge, tiefer und tiefer in den Wald. Schließlich, von Angst und Ausweglosigkeit getrieben, sprang sie einen Abhang hinunter und starb. Der Mönch wurde für sein Handeln, so die Sage, von Gott gerichtet. Als Strafe wurde er noch an Ort und Stelle, über dem Abgrund, über dem Ort seiner Schandtat versteinert. Bis in alle Ewigkeit soll er auf das hinabblicken, was er getan hat. So soll das «Hardermannli» in der Bergflanke entstanden sein. Der Brauch der «Harder-Potschete» erinnert an diese Sage.

Erkennen Sie das «Hardermannli»?
Das «Hardermannli» und sein «Wyb» am Umzug. - © Interlaken Tourismus


Das große Geistertreffen von Interlaken

Der Marktplatz von Interlaken verwandelt sich an diesem Abend in einen Ort, an dem die Grenze zwischen Realität und Mythos verschwimmt. Zwischen den Essständen und den bunten Laternen tummeln sich allerlei seltsame Gestalten. Da sind elegante Elfen und Nixen, von denen man sagt, sie stiegen direkt aus der Aare. Daneben die sogenannten «Schnäggehüsler», die sich mit unermüdlicher Geduld in Dutzende von Schneckenhäusern gehüllt haben und dann die «Moosmännli», gehüllt in moosgrüne Pracht, feucht und erdig duftend, wie frisch aus dem Boden gestiegen. Mittendrin die Kinder mit aufgeblasenen «Potschen» (hochdt.: «Schweinsblasen»), die sie lachend durch die Gassen schwingen. Mit einem lauten Knall klatschen sie auf Rücken, Jacken und Köpfe von Freunden und ahnungslosen Passanten. Keine Sorge, das tut nicht weh, nur ein Schreck, gefolgt von lautem Lachen. Der Lärm gehört zum Ritual, denn nur wer ordentlich Krach macht, kann den Winter vertreiben und den Frühling heraufbeschwören. So will es die Tradition.

Im Mittelpunkt des Brauchs steht das «Hardermannli», begleitet von seinem «Wyb» (hochdt.: «Weib») und den Waldgestalten. Teil des schaurigen Gefolges ist auch der abtrünnige Mönch, welcher der Sage nach zum versteinerten Hardermannli wurde. Vorne und Hinten am Umzug gehen die «Trychler». Laut und bedrohlich klingen ihre Treicheln durch Interlaken. Schon aus großer Ferne sind die schweren Glocken zu hören. Das Hardermannli und seine Gefolgschaft wollen Furcht und Schrecken im Dorf verbreiten.

Wenn der Umzug vorüber ist beginnt der sogenannte «Beizencher». Die Erwachsenen kehren in die Gaststätten der Stadt auf ein paar Bier und Glühwein ein. Die Teilnehmer des Festumzugs entledigen sich unauffällig ihrer Masken und Kostüme und mischen sich unter die feiernde Gesellschaft.

© Harder-Potschete Interlaken
© Interlaken Tourismus
© Interlaken Tourismus


Vom Bubenkrieg mit Pfeil und Bogen zum Volksfest

Die Harder-Potschete ist kein Fasnachtsumzug. Sie hat ihre Wurzeln in heidnischen Bräuchen. Ursprünglich war sie ein Frühlingsritual, bei dem mit Lärm, Masken und Gesang die Geister der dunklen Jahreszeit vertrieben und die Rückkehr des Lichts gefeiert wurden. Das Hardermannli war dabei nicht einfach nur ein bärtiger Waldgeist, sondern die Inkarnation des Bösen, das verspottet und verjagt werden musste.

Im Laufe der Zeit, besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts, veränderte sich der Brauch und aus dem mystischen Umzug wurde ein wildes Spektakel. Die «Potschete» wurde zum regelrechten «Bubenkrieg». Mit Haselruten, Schneebällen, Pfeil und Bogen und natürlich den berühmten Schweinsblasen kämpften die Jugendlichen aus Interlaken, Matten und Unterseen in chaotischen Straßenschlachten gegeneinander. Manch ein Fenster zerbrach, sogar die Polizei musste gelegentlich eingreifen.

1955 war Schluss mit dem wilden Treiben. Der «Marktgassleist», eine Organisation örtlicher Geschäftsleute, übernahm das Ruder. Mit Organisationstalent, Humor und viel Herzblut wurde der alte Brauch neu erfunden. Der Umzug bekam mit einer festgelegten Route, Maskenprämierungen und Volksfestcharakter die dringend benötigten Strukturen. Seit 1983 sorgt der eigens gegründete «Harder-Potschete-Verein» für den reibungslosen Ablauf und gibt jedes Jahr den berüchtigten «2. Jänner-Knacker» heraus, eine satirische Zeitung, die das vergangene Jahr und seine lokalen Helden auf die Schippe nimmt.

© Harder-Potschete Interlaken


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