Die «Pelzmartiga» von Kandersteg - Das Unheil zum Greifen nah

Wenn in Kandersteg an Weihnachten und am Neujahrstag laut die Treicheln durch die Dorfgassen hallen, ist klar: Die Pelzmartiga sind unterwegs. Für ahnungslose Touristen und Kinder furchteinflößend, doch jedes Jahr aufs Neue eine Freude für die Bewohner der beschaulichen Ortschaft im Berner Oberland. Sie ziehen durch die Straßen Kanderstegs und versetzen Einheimische wie Gäste in eine Mischung aus Schrecken, Staunen und Respekt, denn sie sind unberechenbar. Mal wird man freundlich von ihnen umarmt, mal landet man mit dem Gesicht voran im Schnee. Was auf den ersten Blick wie ein lustiger Gruselumzug wirkt, ist ein jahrhundertealter Brauch mit einem überraschend ernsten Hintergrund.
Wenn die alten Ängste sichtbar werden
Im Gegensatz zur Harder-Potschete von Interlaken liegt der Ursprung der Pelzmartiga in vorchristlicher Zeit. Das Leben der Menschen war geprägt von Naturgewalten, Krankheiten, Hunger und Krieg. Der Volksglaube ging davon aus, dass gerade die Übergangszeit zwischen dem alten und dem neuen Jahr besonders anfällig für böse Mächte sei. Um Unglück, Dämonen und menschliche Laster aus dem Dorf zu vertreiben, setzte man auf Lärm, schaurige Masken und gezieltes Erschrecken. Die bedrohlichen Gestalten sollten das Böse sichtbar machen, um es anschließend symbolisch zu verjagen. So ist es beispielsweise bei den «Tschäggättä» im benachbarten Lötschental der Brauch.
Bis heute findet der Brauch ausschließlich in Kandersteg am 25. Dezember und am 1. Januar statt. Punkt zwölf Uhr mittags kündigen sich die Pelzmartiga mit lautem Glockengeläut an. Schon von Weitem hört man die schweren Kuhglocken, bevor die Gruppe durch die Dorfstraßen zieht, Passanten erschreckt und zeitweise sogar den Verkehr lahmlegt. Besonders Kinder erleben den Umzug mit einer Mischung aus Angst, Faszination und gleichzeitig großem Spaß. Genau so sieht es der Brauch vor.
Pelzmartiga haben es nicht leicht
Veranstaltet wird das Spektakel vom Heimatverein Kandersteg. Früher gehörte die Teilnahme für junge Männer zwischen Schulabschluss und Rekrutenschule ganz selbstverständlich dazu. Heutzutage wird es teils schwierig, die zehn Männer für den Brauch zu gewinnen. Trotz Kälte, Schlafmangel und oft auch einer durchzechten Silvesternacht schlüpfen sie frühmorgens in ihre Kostüme. Das ist keine leichte Aufgabe. Manche Verkleidungen sind Jahrzehnte alt, werden nur zweimal im Jahr getragen und erfordern größte Sorgfalt.
Der rund zehn Kilometer lange Umzug in schwerer Maskerade ist körperlich extrem anstrengend, doch gerade darin liegt auch eine Art Bewährungsprobe. Besonders erschwerend kommt der Umstand hinzu, dass sämtliche Restaurants und Bars von Kandersteg bis hinauf zum Oeschinensee die Route säumen. Glühwein, Bier und Schnaps sind hier quasi obligatorisch.
Die Kostüme selbst sind kleine Kunstwerke. Sie bestehen aus Fellen, alten Militäruniformen, Stofflumpen, Spielkarten, Tannenzweigen sowie Holz, Leder und Metall für Masken und Glocken. Jedes Kostüm ist handgefertigt, viele werden innerhalb von Familien weitergegeben. Nach den Umzügen verschwinden sie sorgfältig mit Mottenkugeln geschützt in Kellern und Lagerräumen und werden erst zu den nächsten Festtagen wieder hervorgeholt. Der Heimatverein Kandersteg wacht über den Erhalt des Brauchs und zeigt zwei Originalkostüme ganzjährig in der Dauerausstellung des Dorfmuseums.
Die 10 Figuren der Pelzmartiga
Hinter jeder Figur der Pelzmartiga steckt eine klare symbolische Bedeutung. Sie verkörpern all das, was frühere Generationen bedrohte und was man nicht im Dorf haben wollte.










Heute ist der Pelzmartiga-Brauch weit mehr als ein Schreckensumzug. Er ist lebendiges Kulturerbe der Schweiz und ein starker Identitätsfaktor für Kandersteg. Tradition, Gemeinschaft und Geschichtsbewusstsein verbinden sich zu einem Ritual, das Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft. So furchteinflößend die Gestalten auch wirken mögen, gehören sie fest zum Dorfleben. Jahr für Jahr erinnern sie daran, dass man sich den eigenen Ängsten stellen muss, um sie vertreiben zu können.
