Wintertourismus im Wandel - Große Herausforderungen für die Skigebiete

Feinster Pulverschnee, meterhohe Schneedecken und perfekt präparierte Skipisten von Dezember bis April. Dafür ist die Schweiz seit über hundert Jahren bekannt. Hunderttausende Wintersportler pilgern jedes Jahr in die berühmtesten Skigebiete der Welt. Viele locken mit schneesicheren Höhenlagen von bis auf über 3.000 Meter hinauf. Die meisten Skigebiete liegen hingegen weniger als 2.000 Meter hoch. Doch selbst in den höchsten Skigebieten der Schweiz sieht man immer häufiger weiße Pisten in grüner Landschaft zur Hochsaison. So schaffen es wenigstens sie mit Schneekanonen, durchgehend mindestens 50-75% ihrer Anlagen geöffnet zu halten. Die Winterwunderland-Idylle wird für Touristen zunehmend Glückssache und eine rentable Saison zur größten Herausforderung für die Skigebiete. Wie gehen diese damit um?
Die Bedeutung des Wintertourismus für die Bergregionen
Skifahren, Snowboarden und Wintersport im Allgemeinen sind nicht nur für die Touristen immer wieder ein Erlebnis. Für viele Bergregionen ist der Wintertourismus ein fester Teil ihrer regionalen Identität. In Europa gibt es etwa 57 Millionen aktive Wintersportler, die ihre Urlaube regelmäßig im weißen Paradies verbringen und an ihren Lieblingssportarten festhalten.
Besonders zum wirtschaftlichen Wohlergehen der Ferienregionen leistet der Tourismussektor einen wichtigen Beitrag. So macht in Davos die Tourismusbranche rund 40% des regionalen Volkseinkommens aus. Allein 5% davon entfallen auf den Pistenbetrieb. Auch Arbeitsplätze in der Hotellerie, Gastronomie aber auch im Einzelhandel und bei weiteren Dienstleistern hängen direkt von den Besuchern ab. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vieler Bergregionen von dem Wintertourismus ist groß. Das bedeutet, dass ein Rückgang der Gästezahlen, etwa infolge schneearmer Winter, im Wintertourismus existenzbedrohend für diese Gemeinden wäre. Ohne den Einsatz von Kunstschnee könnten im Volkseinkommen Einbußen von bis zu 10% drohen und hunderttausende Arbeitsplätze gefährdet werden.


Mittelhohe Skigebiete in Gefahr – Ist Kunstschnee die Rettung?
Während es den hochgelegenen Luxus-Skigebieten in Graubünden und dem Wallis noch vergleichsweise gut geht, geraten viele mittelhoch gelegene Skigebiete zunehmend unter Druck. Derzeit werden rund 19% der Schweizer Skipisten künstlich beschneit. Der Trend der letzten Jahrzehnte zeigt eine deutlich steigende Tendenz.
Klimamodelle der ETH Zürich prognostizieren, dass die Wintertemperaturen in der Schweiz bis 2030 im Schnitt um 1°C steigen könnten, bis 2050 sogar um fast 2°C. Zum Ende des Jahrhunderts könnte laut ETH die Schneefallgrenze um bis zu 400 Meter ansteigen und die natürliche Schneedeckendauer sich um bis zu sechs Wochen verkürzen. Heute bereits besonders dramatisch für die Skigebiete sind die immer längeren niederschlagsarmen Perioden, häufige Fönwinde und Inversionslagen mit milden Temperaturen bei kräftiger Sonne auf den Bergen und Kälte und Nebel in den Tälern. Mittelhohe Skigebiete sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Ihr Geschäftsmodell schmilzt ihnen buchstäblich vor der Nase weg. Selbst in hohen Lagen über 2.000m wurde in den letzten Jahrzehnten oftmals schon im Dezember die dritte Schneeschmelze seit dem Herbst registriert. Einige Skigebiete in tieferen Lagen haben in den letzten Jahren bereits den Betrieb eingestellt. Selbst Schneekanonen sind dort bereits keine Hilfe mehr.



Über die Hälfte der europäischen Skipisten sind mit Schneemangel konfrontiert. Selbst Beschneiungsanlagen könnten diesen enormen Mangel nicht mehr ausgleichen. Die Folge: Die Skisaison wird kürzer, Pistenflächen müssen zu großen Teilen künstlich beschneit werden, doch das verursacht enorme Kosten. Das einmalige Beschneien einer Talabfahrt kann bis zu 100.000 Franken kosten.
Eine Schneekanone benötigt zum Beschneien von 1 Hektar Pistenfläche mit 30cm Schneedecke etwa 20.000kW Strom und an die 1.000 Kubikmeter Wasser. In Zeiten, in denen das Bewusstsein für den verschwenderischen Lebensstil der Menschen immer mehr in den Vordergrund rückt, geraten derartige Eingriffe zunehmend in die Kritik. Die meisten Skigebiete der Schweiz setzen jedoch bereits auf erneuerbare Energien wie Wasserkraft und Solarstrom und streben hundertprozentige Klimaneutralität an. Die gestiegenen Ansprüche der Gesellschaft an den modernen Wintersport haben also auch steigende Kosten zur Folge, die viele Gäste abschrecken. Mit dynamischen Preisen versuchen einige Skigebiete zumindest kurzentschlossene Touristen zum günstigen Skispaß zu locken.
Gesellschaftlicher Wandel: Eine unterschätzte Gefahr?
Steigende Kosten für die Skiferien und sinkende Kaufkraft der Gesellschaft haben besonders langfristig gravierende Auswirkungen. Immer weniger Kinder lernen Skifahren, immer weniger junge Erwachsene besitzen entsprechende Ausrüstung oder planen Skiurlaub. Die treue Zielgruppe sind meist langjährige Skifahrer der älteren Generation.
Um den Skitourismus zukunftsfähig zu gestalten, bedarf es demnach einer Neuausrichtung: Komfortable Hotels, Erholungs- und Gesundheitsangebote oder alternative Winteraktivitäten könnten zukünftig speziell für die heute noch jüngere Generation attraktiver sein und neue Impulse setzen. Auch eine Ausrichtung auf den sportlichen Nachwuchs birgt Chancen, wie im Skigebiet Sattel-Hochstuckli. Zwei Jahre lang schrieb das Skigebiet rote Zahlen, bis es sich neu ausrichtete: Ein Kinderlift, ein beschneibares Übungsgelände und Komplettangebote speziell für Anfänger mit Ausrüstung, Skilehrer und Skipass.
Wie reagieren die Bergdörfer auf die neuen Herausforderungen?
Der Klimawandel wirkt sich massiv auf den Skitourismus aus. Viele klassische Winteraktivitäten werden schwieriger planbar oder wirtschaftlich untragbar. Die Lösung liegt in der Anpassung: weniger Abhängigkeit vom Schnee, mehr Diversifikation. Ganzjährige Freizeitangebote könnten eine Chance für die betroffenen Regionen darstellen, sei es durch Winterwanderungen, Mountainbike-Trails, Rodelbahnen oder andere Naturerlebnisse. Auch sogenannte «Open Workspaces» bieten «arbeitenden Touristen» im Homeoffice besonders komfortable Bedingungen. Wer als Arbeitgeber in der Region ganzjährige Verträge anbieten kann, wird zudem attraktiver für Fachkräfte und Gastronomen, ein chronisches Problem der Branche.
Technische Beschneiung bietet nur kurzfristige Hilfe. Ihre ökologischen und ökonomischen Kosten sind hoch, insbesondere in Zeiten von Energiekrisen und Trockenperioden. Auch Sommerangebote oder schneeunabhängige Wintersportarten können den klassischen Skibetrieb nicht vollständig ersetzen. Doch eines zeigt die Geschichte: Die Tourismusbranche und die Bewohner der Alpen haben sich schon oft neu erfunden und sie werden es mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut schaffen.
